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Wenn ein Mensch zerfällt...

Aktualisiert: 17. Feb.

...und wie er wieder aufstehen kann.


Ich stehe am Fenster und schaue auf die verregnete Straße. Die Tropfen rinnen am Glas herunter und hinterlassen Spuren, als hätte sie jemand mit dem Finger in den Himmel gezeichnet. Es ist einer dieser Tage, an denen die Welt grau erscheint, nicht nur draußen, sondern auch im Inneren.

Aber was war geschehen?

Meine letzte Beziehung ist gerade einmal ein halbes Jahr her. Vielleicht war es zu früh. Vielleicht war es menschlich. Vielleicht war es der Wunsch nach Nähe, der mich wieder hinaustrieb, noch bevor ich wieder ganz bin. Also ging ich auf ein Date.


Und dann stand er vor mir: Ein Mann, der farblos wirkte, leblos irgendwie. Sein Händedruck war ohne Kraft, seine Augen waren ohne Glanz. Die Worte, die er sprach hatten keine Seele. Wir gingen zusammen in ein Cafe´. Er hatte für dieses Treffen keinerlei Vorbereitungen getroffen. Er hatte sich keine Gedanken gemacht, wie wir diesen Tag angenehm verbringen könnten. Das Cafe hatte dann letztlich ich ausgesucht, um dem Herumirren in der Stadt ein Ende zu setzen. Ich saß also da und bemühte mich, höflich zu sein. Ich habe gewartet, dass eine angemessene Zeit verstrich, um mich zu verabschieden, damit es nicht wie eine Flucht aussieht. Doch innerlich wollte ich die ganze Zeit nur noch heim.

Einige Zeit später stand ich dann am Fenster in meiner Wohnung, starrte auf die nasse Straße und lies den Tag Revue passieren. Und dann geschah etwas, das ich so nicht erwartet hatte.

Ich zerbrach. Von jetzt auf gleich. Einfach so. Ohne Vorwarnung, ohne irgendein Zeichen. Ich zerfiel in tausend unsichtbare Splitter. Ein Scherbenhaufen auf dem Boden meines Lebens. Von niemandem beachtet. Von niemandem gewollt. Die Welt hatte mich im Stich gelassen. Ich war mit einem Mal bedeutungslos. Mein Licht war ausgegangen. Ich war erloschen.


Der Moment des Zerfalls


Es gibt Augenblicke, die sich anfühlen wie ein Sturz ohne Auffangnetz. Sie kommen meist nicht, wenn etwas Großes passiert, sondern sie kommen oft genau dann, wenn wir versuchen wieder stark zu wirken. Wenn wir glauben, wir müssten wieder funktionieren. Wenn wir uns selbst vormachen, wir seien bereits weiter als wir es tatsächlich sind.


Dieser Zerfall fühlt sich furchtbar an. Man denkt, man ist gescheitert.


Aber es ist in Wahrheit kein Scheitern, es ist ein Akt der Ehrlichkeit. Er zeigt uns, dass wir tiefer verwundet sind, als wir uns eingestehen wollen. Dass unsere Seele noch blutet, obwohl wir dachten, die Wunde sei längst verschlossen.


Der Mensch zerfällt, wenn Körper und Herz zusammen flüstern: Ich kann so nicht weiter.


Der Zerfall ist nicht das Ende. Scherben sind nicht tot. Sie sind Teile von uns. Sie erzählen uns, wo wir enttäuscht wurden, wo wir uns selbst verloren haben.


Zerbrechen bedeutet, dass etwas Altes endgültig nicht mehr trägt und dass die alte Form unseres Lebens nicht mehr passt. Es will etwas Neues entstehen, auch wenn wir es in diesem Moment noch nicht sehen können.

Der Zerfall ist ein Prozess der Wahrheit. Alles, was nicht mehr echt ist, fällt ab. Alles, was zu schwer ist, bricht weg. Alles, was uns klein hält, löst sich.


Und genau darin liegt der Anfang.


Wieder Aufstehen ist selten heroisch. Es passiert nicht mit Pauken und Trompeten, sondern leise, fast unmerklich.


Vielleicht ist es der Moment, in dem Du etwas Warmes trinkst. Oder ein Gedanke, der sagt: Vielleicht wird es doch wieder. Oder ein kleiner Funke in Deiner Brust, so schwach, dass Du ihn kaum spürst. Wieder Aufstehen bedeutet nicht, dass wir sofort losmarschieren. Es bedeutet, dass wir wieder atmen. Wieder fühlen. Wieder anwesend sind, auch in der Dunkelheit.


Nach jedem Zerbrechen entsteht ein Mensch, der klarer ist. Weicher vielleicht. Ehrlicher. Wacher für das, was sich gut anfühlt und was nicht.


Wir werden sensibler für unsere eigenen Grenzen. Wir erkennen schnell, wenn etwas nicht stimmt. Wir werden mutiger darin, uns selbst treu zu bleiben. Zerfall verändert uns. Doch er zerstört uns nicht. Er erschafft uns neu.


Am Ende sind wir nicht die Scherben. Wir sind das Licht, das daraus wieder entsteht.


Denn wenn wir zerfallen, gibt es etwas, das ungebrochen bleibt. Es ist ein inneres Licht, das sich nicht löschen lässt, selbst wenn es kurzzeitig unsichtbar ist.


Wir zerbrechen nicht, um zu bleiben wie wir vorher waren. Wir zerbrechen, um zu erkennen, wo wir wieder anfangen dürfen. Und dieses Wiederanfangen ist keine Rückkehr. Es ist ein neuer Weg.


Und diesen neuen Weg bin ich ab da gegangen. Als erstes habe ich wieder angefangen zu atmen. Da war also noch Leben in mir. Eine kleine Flamme, die noch leuchtete. Das war meine Orientierung. Danach habe ich mich wieder aufgerichtet. Ganz langsam. Stück für Stück. Ich sah meinen Scherbenhaufen, aber nicht nur das. Ich sah, dass dies Teile von mir waren. Und sie waren nicht weg, sie waren noch da.

Ich begann diese Scherben Stück für Stück aufzusammeln. Diese Scherben waren meine Fragen. Warum date ich so schnell wieder? Was will ich anderen damit beweisen? Dass ich gewollt bin? Ich sah meine Verletzungen. Mein Expartner hatte sich nach unserer Trennung gleich wieder jemanden gesucht und schien glücklich zu sein. Nur ich lag am Boden. Ich wollte gleichziehen. Ich wollte allen da draußen zeigen, dass ich einen Wert besaß, dass ich für jemand anderen wichtig bin. Ich wollte nicht trauern, um jemanden, der mich eigentlich nicht wollte. Ich wollte keine wertvolle Zeit verschwenden und in Selbstmitleid verfallen. Ich wollte am bunten Leben Teil haben.

Die Rechnung hatte ich aber ohne den Wirt gemacht. Und der Wirt trat in Form meines Körpers und meines Nervensystems auf und machte mir einen gewaltigen Strich durch die die Selbige. Die Rechnung hatte ich mit dem Zerfall bezahlt. Das war meine Zeche.


Es hat lange gedauert, bis ich mich wieder zusammengesetzt hatte. Mein ICH besteht nun aus vielen Teile, die durch Narben zusammengehalten werden. Mein ICH zeigt meine Geschichte. Mein ICH ist nicht nur das Date, welches der Auslöser für einen Neubeginn war. Es zeigt all meine Erfahrungen, mein ganzes bisheriges Leben. Ich habe wieder Wurzeln geschlagen, die heute fester im Boden verankert sind als zu irgendeinem anderem Zeitpunkt in meinem Leben. Ich fühle mich wie ein altern Baum, der durch einen heftigen Sturm umgefallen ist, aber es geschafft hat, seine Wurzeln im Boden wieder zu verankern. Meine Äste und Zweige wachsen heute in alle Richtungen. Sie dürfen sich frei entfalten. Ich bin dem Wetter des Lebens jeden Tag ausgesetzt. Manchmal werde ich heftig durchgeschüttelt vom Wind und manchmal verliere ich ein paar Äste, wenn es gar zu sehr stürmt. Aber das macht nicht. Meine Wurzeln sind jetzt stark, Äste, Zweige, Blätter wachsen nach. Sonne schenkt mir Kraft und Lebensenergie. Und das, was durch die Stürme von mir abfällt, verwandelt sich durch Regen und die vielen kleinen Helfer im Leben zu Humus, der mich ebenso nährt.


Ich verstehe heute, dass das Leben seiner eigenen Natur folgt. Es ist ein Kreislauf. Die Stürme gehören dazu wie der Sonnenschein. Alles hat einen tieferen Sinn. Ich folge dieser Natur. Ich höre auf die Stimmen in mir. Und ich verlasse nicht mehr mich selbst.







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