Der Konflikt zwischen familiärer Zugehörigkeit und einem selbst bestimmten Leben
- Andrea Berauer
- 25. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. März
Vor einigen Tagen besuchte mich meine Großcousine. Ich freue mich immer, wenn wir uns sehen. Sie hat ein ausgesprochen großes Repertoire an Familiengeschichten auf Lager und es ist mir stets ein Vergnügen ihren Geschichten zu lauschen. Ich glaube, dass ich dieses Mal etwas genauer hingehört habe, denn die Geschichten waren die gleichen wie sonst auch, aber das Gefühl, welches sie bei mir hinterließen und das, was ich bei ihr beobachten konnte war äußerst interessant.
Meine Großcousine ist 70 Jahre alt. Sie hat also ein großes Stück Leben hinter sich. Sie ist mit ihrem Mann seit, ich weiß nicht so richtig, vielleicht 50 Jahren verheiratet. Gemeinsam haben sie einen Sohn großgezogen. Was mich schon immer beeindruckte, war, dass sie viele Jahre in einem Mehrgenerationenhaus gelebt hat. Sie, ihr Mann, ihr Sohn, ihre Eltern und die Großmutter. Alles unter einem Dach, aber in getrennten Wohnungen. Ein großer Garten bildete den Rahmen rings um das Haus.
Das, was ich aus dieser Familie kenne, ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt und ich vermag hier nicht die komplette Familiengeschichte niederschreiben, aber ich will versuchen, mit meiner Beobachtung etwas zu verdeutlichen.
Um die Geschichte meiner Großcousine mal zusammenzufassen: Sie hat ein ganz normales Leben eines ganz normalen Menschen geführt. Mit Höhen und Tiefen. Sie hat das breite Spektrum der Gefühle kennengelernt. Freude, Wut, Liebe, Trauer, Enttäuschung, Ohnmacht, Zurückweisung, Glück und vieles mehr. Einfach durch das, was sie erlebt hat. Mit ihren Eltern, ihrem Sohn, ihren Arbeitskollegen, ihren Freunden, durch Menschen, die ihr begegneten. Sie ist durch Krankheit gegangen, hat den Tod ihrer Eltern erlebt, die Geburt ihres Sohnes, Freundschaften sind zerbrochen, neue Freunde traten in ihr Leben und so weiter und so fort.
Ich will nicht sagen, dass sie nie schlecht über andere Leute redet, aber sie verurteilt sie nicht. Und das ist ein wesentlicher Unterschied. Und was ich auch nicht bei ihr gespürt habe, das war der Wunsch, diese Leute zu verändern.
Sie lies die Dinge ganz ohne Bewertung geschehen. Sie hat beobachtet, ohne zu missionieren. Das einzige, was sie tat, war ihr eigenes Handeln auf das, was sie erlebte abzustimmen. Eckehard Tolle würde sagen. Sie war und ist ganz im hier und jetzt.
Doch sie kennt weder Eckehard Tolle, noch Osho. Sie macht kein Yoga und hat noch nie meditiert. Eine Psychiatrie hat sie noch nie von innen gesehen. Sie schimpft nicht auf den Staat und jammert nicht, was ihr alles fehlt und was andere vielleicht mehr haben als sie selbst.
Aber was sie dafür hat, ist einen gesunden Menschenverstand. Sie hat Selbstwertgefühl. Sie ist eingebunden in eine Familie und einen Freundeskreis. Und letztes möchte ich etwas näher beleuchten, weil Eingebundenheit ein so wichtiger Schlüssel ist.
Eingebunden zu sein, in eine Familie, bedeutet mehr als nur Verwandtschaft. Es ist ein Gefühl von Zugehörigkeit, von getragen sein, von einem Platz im Leben, der nicht ständig infrage gestellt wird.
Früher war Familie für viele Menschen ein selbstverständlicher Rahmen. Man war Teil eines größeren Ganzen - mit allen Herausforderungen, aber auch mit einer tiefen Form von Halt. Es gab Strukturen, Rollen und eine gewisse Verlässlichkeit. Man wusste, wo man hingehörte.
Heute hat sich dieses Bild stark verändert.
Wir leben in einer Zeit, in der Individualität einen hohen Wert hat. Menschen wollen ihren eigenen Weg gehen, sich selber verwirklichen, unabhängig sein. Das ist eine große Errungenschaft.
Gleichzeitig hat diese Entwicklung auch eine Kehrseite. Viele Menschen sind heute dadurch weniger eingebunden. Familienstrukturen sind oft lockerer, Beziehungen brüchiger, Lebenswege individueller. Das kann Freiheit bedeuten, aber auch Unsicherheit.
Denn Eingebundenheit entsteht nicht automatisch. Sie braucht Verlässlichkeit, Zeit und echte Bindung.
In eine Familie eingebunden zu sein, heißt nicht, dass alles harmonisch ist. Es bedeutet auch nicht, dass es keine Konflikte gibt. Es bedeutet vielmehr, dass man einen Platz hat, auch wenn es schwierig wird, dass Beziehungen nicht sofort aufgegeben werden, dass man sich aufeinander bezieht, dass es ein WIR gibt.
Viele Menschen erleben Familie heute jedoch anders. Familiäre Beziehungen sind oft von Erwartungen und Enttäuschungen geprägt. Grenzen werden nicht respektiert oder fehlen ganz, Nähe wird mit Überforderung verwechselt oder Distanz mit Selbstschutz.
Manche haben gelernt, dass Familie kein sicherer Ort ist. Andere haben erlebt, dass sie sich selbst verlieren, wenn sie zu nah bleiben.
Die Folge davon ist oft ein innerer Konflikt: Sehnsucht nach Verbindung und gleichzeitig der Wunsch nach Abstand.
Doch wenn die ursprüngliche Familie diesen Halt nicht geben kann, suchen Menschen ihn an einem anderen Ort. In Partnerschaften, in Freundschaften, in Gemeinschaften oder auch im Spirituellen. Das ist nicht falsch und Beziehungen außerhalb der Familie sind norm wichtig. Die Sehnsucht aber nach Familie bleibt.
Schauen wir uns an, wie wir diesen Konflikt zwischen Sehnsucht nach Anbindung in Familie und ein selbst bestimmtes Leben lösen können.
Der Wunsch, in eine Familie eingebunden zu sein, ist tief menschlich. Er zeigt sich in dem Bedürfnis, innerhalb einer Gruppe einen Platz zu haben, gesehen und angenommen zu werden und nicht allein durchs Leben zu gehen.
Diese Sehnsucht ist immer präsent. Auch bei Menschen, die sehr unabhängig sind.
Gleichzeitig haben heute die Menschen aber auch ein starkes Bedürfnis nach eigenen Entscheidungen, klaren Grenzen, einem Leben, das sich stimmig anfühlt. Was sie aber erleben ist, dass diese Grenzen überschritten werden, dass Erwartungen erstehen, die erdrücken, dass sie sich selber verlieren, wenn sie sich diesen Erwartungen beugen. Daraus resultiert der Wunsch, sich zu lösen.
"Ich möchte dazugehören, aber ich möchte mich nicht verlieren"
Die Menschen pendeln dann zwischen Nähe und Distanz. Sie ziehen sich zurück, um sich zu schützen und spüren gleichzeitig die Sehnsucht nach Verbindung.
Dieser Konflikt ist kein persönliches oder gar gesellschaftliches Versagen, er ist Ausdruck eines Bewusstseinswandels.
Wie aber löse ich diesen Konflikt?
Die Lösung liegt nicht im Entweder Oder, sie liegt nicht in der Entscheidung, sich für eine der Seiten zu entscheiden. Denn weder völlige Anpassung, noch völlige Abgrenzung führen zu innerem Frieden. Die Lösung liegt dazwischen.
In einer bewussten und selbst gestalteten Form von Verbindung.
Es geht nicht darum, Familie heute so zu leben, wie sie einmal war, wie zum Beispiel bei meiner Großcousine. Ich glaube, das ist gar nicht mehr möglich. Es geht darum Familie neu zu erfinden, Familie neu zu denken.
Familie kann heute bedeuten, verbunden zu sein, ohne sich aufzugeben, Nähe zuzulassen, ohne Grenzen zu verlieren, Kontakt zu wählen, statt ihn aus Pflicht aufrechtzuerhalten, ehrlich zu sein, auch wenn es unbequem ist. Manchmal bedeutet es auch, Abstand zu bestimmten Familienmitgliedern zuhalten oder eine neue Form von Beziehung auf Augenhöhe.
Innere Klarheit ist der Schlüssel dazu. Und innere Klarheit gewinne ich, indem ich mich frage: Was tut mir gut? Wo sind meine Grenzen? Welche Form von Kontakt ist stimmig? Diese Fragen müssen wir für uns selbst klären, erst dann können wir bewusst Beziehungen, insbesondere die zu unserer Familien, gestalten.
Und ein zweiter Schlüssel liegt darin, zu erkennen, dass Zugehörigkeit sich nicht komplett auf Familie konzentrieren muss, sondern dass sie auch dort entstehen kann, wo echte Verbindung möglich ist, man sich so zeigen darf, wie man ist, wo Respekt vorhanden ist. Viele Menschen finden diese "andere" Form von Familie in Freundschaften, in Partnerschaften oder in anderen selbst gewählten Gemeinschaften.
Fazit. Der Konflikt zwischen Einbindung und Selbstbestimmung ist kein Problem, sondern eine Einladung unserer Zeit, Beziehungen neu zu definieren und neu zu erfinden.




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