Was brauche ich eigentlich?
- Andrea Berauer
- 17. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. März
Wir leben in einer Zeit, in der nichts fehlt - jedenfalls nicht auf der äußeren Ebene und bei den meisten Menschen.
Unendlich viele Nahrungsmittel, Kleidung, technische Geräte, Freizeitangebote, Selbstklärungstools, Beziehungen, Kurse, Coachtes, Urlaubsziele... ich könnte die Liste noch unendlich weiterführen, aber ihr wisst, was ich meine. Möglichkeiten über Möglichkeiten.
Und dennoch: Viele fühlen sich leer, verwirrt oder unruhig im Inneren. Als ständen sie vor einem vollen Kühlschrank, aber der Inhalt nährt sie nicht.
Warum ist das so? Und was bedeutet dieser Überfluss für unsere Fähigkeiten, wirklich zu erkennen, was wir tatsächlich brauchen?
Die Qual der Wahl, wir kennen es ja. Doch wenn die Wahlmöglichkeiten zu groß werden, bedeutet es nicht mehr Freiheit, sondern Entscheidungslosigkeit.
Ich habe vor einiger Zeit von einem Experiment gelesen, was das verdeutlicht. Ich nenne es das Marmeladen-Experiment.
Namensgeber und Ursprung des Marmeladen-Experiments ist eine Studie der US-Forscher Mark Lepper und Sheena Iyengar aus dem Jahr 2000. Bei dem Experiment in einem kalifornischen Delikatessladen bekamen die Kunden zunächst 6 Marmeladen-Sorten zur Auswahl. 40 Prozent der Kunden probierten – und 12 Prozent kauften am Ende ein Marmeladenglas.
Beim zweiten Experiment standen 24 Marmeladensorten auf den Probiertisch – eine zu große Auswahl! Zwar probierten jetzt 60 Prozent der Ladenbesucher die Testhäppchen, aber weniger als 2 Prozent kauften die Marmelade. Die Vielfalt hatte zwar die Neugier geweckt, aber die Kunden zugleich entscheidungsunfähig gemacht.
Je größer die Auswahl, desto schwieriger die Entscheidung oder ganz unmöglich. In der Psychologie ist das Phänomen auch als „Choice Overload“ bekannt: Zu viele Optionen verwirren uns, machen müde und sogar unglücklich.
Grund dafür ist, dass eine Entscheidung FÜR eine Option immer auch eine GEGEN all die Alternativen ist. Je größer die Auswahl, desto größer der potenzielle Verzicht und mögliche Verlust. Viele Menschen grübeln daher nach einer Entscheidung noch lange darüber, ob die andere Option nicht vielleicht doch besser gewesen wäre… Die Qual der Wahl gibt es also wirklich!
Wenn alles möglich ist, dann wird alles plötzlich auch unsicher. Und nicht nur das. Eine Welt mit unendlich vielen Möglichkeiten lässt unsere innere Stimme verstummen.
Unser Instinkt, unser natürliches Gespür und unser innerer Kompass wird leiser, weil wir ständig zwischen Reizen, Bildern, Angeboten und Meinungen hin- und hergeworfen werden.
Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit.
Unsere Vorfahren lebten in Welten, in denen die meisten Bedürfnisse klar definiert waren. Es ging um Nahrung, Schutz, Gemeinschaft, Fortbestand und Zugehörigkeit. Sie hatten keine Wahl zwischen 20 Brotsorten, 100 Hosenmodellen, 10.000 Studiengängen oder 24 Marmeladensorten.
Ihre innere Natur war eingebettet in rhythmische Zyklen: Aussaat, Wachstum, Ernte, Jahreszeiten, Rituale, Mahlzeiten, Tag und Nacht, Mondphasen, Gezeiten, Geburt, Abschied ... um nur einige zu nennen.
Und heute?
Jede Mahlzeit wird zur Entscheidung, jedes Kleidungsstück zur persönlichen Aussage, jeder Kurs zum Lebensweg, jede Beziehung zur Identitätsfrage.
Unser Instinkt ist nicht mehr stark, sondern überlagert mit Möglichkeiten.
Und wir hören nicht mehr hinein, sondern hinaus.
Um dem Ganzen noch eine Krone aufzusetzen: Diese Fülle an Möglichkeiten führt zu einem Gefühl des Mangels. Ist das nicht paradox? Obwohl wir scheinbar alles haben, fühlen wir uns unruhig, unzufrieden, rastlos, unentschlossen, suchend, verloren.
Das sieht man an jeder Ecke. Viele junge Leute hängen heute quasi in der Luft, weil sie nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Sie suchen nach dem perfekt auf sie zugeschnittenen Studienplatz oder Job und scheitern an der Auswahl ihrer Möglichkeiten. Oder. Viele Menschen haben den gesunden Bezug zu Lebensmitteln verloren. Ernähre ich mich jetzt vegetarisch oder lieber doch gleich vegan? Rohkost wäre auch eine Option. Aber vielleicht besser Keto? Nahrungsergänzungsmittel gehören heute zum guten Ruf und werden wie ein must have betrachtet. Oder. Der Lebenspartner wird heute wie aus einem Katalog ausgewählt. Das muss er haben, das darf nicht sein. Da wird von vornherein ein menschliches Wesen durch ein Raster gedrückt. Und wenn der Gewählte dann doch nicht der Richtige ist. Schnell weg damit. Es gibt ja soooo viele Möglichkeiten. Instagram zeigt uns, wo es lang geht.
Auch hier könnte ich die Liste um ein Vielfaches erweitern. Aber die beste Liste hilft uns nicht weiter, wenn ich den Leser an dieser Stelle mit seinen Fragen alleine lasse.
Was ist denn nun das Richtige für mich?
Keine Ahnung. Ich weiß das einfach nicht. Ich kann dir nicht sagen, was du studieren sollst, ob du in dieser Beziehung bleiben oder dich trennen sollst, ob du ein Steak oder lieber einen Salat essen sollst, ob eine Birne besser ist als ein Apfel , ob du Auto oder Fahrrad wählen sollst, ob du deiner Schwiegermutter mal die Meinung geigen sollst oder besser einen Blumenstrauß kaufst. Ich kann dir da schlicht und ergreifend keinen Rat geben.
Aber ich kann etwas anderes:
Es gibt keinen Trick 17 wie wir zukünftig unsere Entscheidungen treffen können, aber es gibt Wege, die uns wieder mit unserem Ursprung verbinden.
So zu leben wie unsere Vorfahren ist sicherlich keine Option. Die Minimalisten haben es versucht. Eine Tasse im Schrank - zack glücklich. Viele sind daran gescheitert. Denn das ist zu radikal. Es mutet an wie eine Diät, die sich nicht verwirklichen lässt. Ab heute esse ich nichts mehr. Da geht der Schuss eher nach hinten los.
Ich bin ein Freund der kleinen Schritte. Denn die sind umsetzbar und tun nicht weh.
1. Reduziere die Menge, nicht das Sein.
Du darfst dich gerne schön und modisch kleiden. Hab Spaß daran. Aber muss es die 10. schwarze Hose sein? Muss es immer das neueste Handy sein? Brauche ich wirklich eine neue Küche? Frage Dich bei jedem Kauf: Brauche ich das wirklich? Und wozu brauche ich das? Welche Lücke soll dieser Kauf eigentlich füllen? Du darfst konsumieren, aber tue es mit mehr Bewusstsein. Das wäre schon mal ein möglicher Schritt.
Lerne in Stille zu hören.
Nur in Ruhe hören wir innere Stimmen. Laute Umgebungen, ständige Reize und Überforderungen machen taub. Instagram, youtube, Tageszeitungen, Fernsehprogramme und Netflix sind nur einige Beispiele, wo Du überlegen kannst, wie sehr sie Dein eigenes Denken beeinflussen und Deine innere Stimme überlagern.
Folge dem, was Deine Energie nährt.
Nicht, was cool aussieht.
Nicht, was klug scheint.
Nicht, was andere gut finden.
Sondern, was Deinem Körper und Deiner Seele gut tut.
Dein Nachbar mag sich fürs Joggen erwärmen und täglich schweißnass an Deinem Küchenfenster vorbeihasten. Das heißt aber noch lange nicht, dass das für Dich das richtige Fitnessprogramm ist. Vielleicht sind es Spaziergänge am Abend oder etwas ganz anderes. Finde es selber heraus.
Sei weniger "Funktionieren" und mehr "Gefühls-Beobachter"
Wenn der Nachbar im neuesten Sportleroutfit winkend an Dir vorbeirennt, zieht sich in Deinem Inneren alles zusammen beim Gedanken, es ihm gleichzutun? Oder geht Dir das Herz auf und Du siehst Dich selber im Olympiastadion Runden laufen? Höre auf diese Stimme, Deinen Körper. Er weiß die Antwort besser als Dein konditionierter Verstand.




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