Ich sehe was, was du nicht siehst...
- Andrea Berauer
- 13. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
...oder warum wir manchmal Dinge nicht sehen, die direkt vor unseren Füßen liegen.
Eine kleine Anekdote zu Beginn. Chrissi ist 12 Jahre alt. Sie geht gerne zur Schule, lernt fleißig und bekommt regelmäßig gute Noten. Geschichte ist eines ihrer Lieblingsfächer. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Thematik, die im Unterricht behandelt wird, taucht ein in die Zeit unserer Vorfahren und kann sich gut in deren Leben einfühlen. Eine besondere Freude empfindet sie, wenn sie eine Arbeit vor der gesamten Klasse vorlesen darf. Doch eines Tages findet diese Freude ein jähes Ende.
Aber was war passiert?
Die Kinder hatten eine Hausaufgabe. Sie sollten das Leben der Bauern im 18. Jahrhundert in Mitteleuropa herausarbeiten und einen Aufsatz darüber schreiben. Chrissi durfte ihre Arbeit vorlesen.
"... und obwohl die Bauern zu Tode geprügelt wurden, mussten sie unermüdlich weiter arbeiten..."
Die ganze Klasse fing an zu lachen, einschließlich der Lehrerin. Nur Chrissi stand reglos da, mit ihrem Arbeitsheft in der Hand und wusste überhaupt nicht, was gerade passiert war und warum alle lachten.
Was in diesem Moment passiert war, ist zutiefst menschlich. Chrissi war ganz in die Geschichte vertieft, in den Bildern und in dem Gefühl, welches sich während der Recherche aufgebaut hatte und welches auch noch im Vortragen mitschwang. Ihr Gehirn wusste, was sie sagen wollte und genau deshalb übersah sie den Fehler im Kontext.
Unser Gehirn liest nämlich nicht jedes Wort neutral und einzeln. Es ergänzt automatisch, was gemeint ist. Und deshalb hat es diesen Fehler "überlesen".
Und noch etwas anderes spielt dabei eine Rolle: Ich möchte es anhand einer kleinen Geschichte verdeutlichen, die mir selber immer wieder passiert.
Wie ihr vielleicht wisst, habe ich eine kleine Hündin. Wir gehen oft zusammen in den Wald. Wann auch immer die Gelegenheit ist, lasse ich sie ohne Leine laufen. Sie schnüffelt dann in der Gegend herum, bleibt mal steht oder rennt irgendwo hin. Ich indessen schaue mich um. Betrachte die Bäume, suche in den Ästen die zwitschernden Vögel, betrachte Buschwindröschen, laufe meistens querfeldein, genieße die Natur. Hin und wieder schaue ich natürlich nach meinem Tier. Oft sehe ich sie irgendwo, aber manchmal scheint sie sich in Luft aufgelöst zu haben. Dann rufe ich sie. "Nahlah...komm her!" Dazu muss man wissen, dass sie gut erzogen ist, sich weder zu weit weg bewegt, mich selber stets im Auge behält und auch sofort kommt, wenn ich sie rufe. Aber sie kommt nicht. Ich rufe nochmal und auch lauter. Doch Nahlah ist nirgendwo zu sehen. Erst wenn ich mich entschließe weiterzulaufen, stolpere ich über den Hund. Und warum? Sie stand die ganze Zeit direkt neben mir. Lautlos. An der Hosennaht. Mein Blick aber war in die Ferne gerichtet. Auf die Idee, meinen Blick nach unten zu richten, kam ich nicht, weil diese Idee nicht in meine Vorstellung passte.
Wenn wir selber etwas erleben, etwas schreiben oder etwas denken, sind wir einfach zu nah dran! Wir sehen nicht, was da ist, sondern, was in unsere Vorstellung passt, was wir innerlich meinen.
Und wie ist es nun mit den anderen? Die Lacher. Diejenigen, die Abstand haben und beobachten. Sie erkennen es schneller. Deshalb hat die ganze Klasse gelacht und deshalb, hätte ich auf dem Hundespaziergang einen Begleiter gehabt und dieser hätte ein wenig Abstand zu mir und meinem Hund gehabt, dann hätte auch dieser sehr schnell gesehen, dass der brave Hund bereits vor Ort ist.
Psychologen nennen das den "blinden Fleck". Wir sind also keineswegs dumm, sondern wir leben einfach innerhalb unserer eigenen Sichtweise. Aber nicht nur das. Unsere eigenen Ängste, Hoffnungen und Gewohnheiten machen uns manchmal blind. Aus unseren Erfahrungen, Wünschen und Verletzungen heraus schauen wir auf die Welt.
Wenn ein Klient mit seinem Problem zu mir kommt, bin ich diejenige, die den nötigen Abstand mitbringt und einen weiten Blick auf das Feld ringsherum. Ich bin nicht, wie der Klient, emotional darin verwickelt. Mein Blick ist klar. Ich sehe diese blinden Flecken und kann sie auch für den Klienten sichtbar machen.
Die Verwunderung ist dann bei meinem Gegenüber oft groß und ich höre Sätze wie: "Wie konnte ich das nur übersehen?" Oder. "Eigentlich habe ich das schon immer gewusst. Aber ich wollte das nur nicht sehen" .
In dem Moment des Erkennens ersteht dann oft Scham. Auch das ist sehr menschlich. Das eigene Bild bekommt einen Riss. Der Klient fühlt sich dann nicht mehr klug und aufmerksam. Er denkt: Habe ich denn nichts mehr im Griff? Durchschaue ich Zusammenhänge nicht mehr? Das fühlt sich an, als hätte man sich selbst enttäuscht. Und - man sieht sich plötzlich mit den Augen der anderen. Aber so, wie man nicht gesehen werden will. Das kratzt am Gefühl von Sicherheit und Kontrolle.
Trotz aller Scham lohnt sich dennoch ein Blick auf die blinden Flecken. Dabei geht es nicht darum "Fehler" zu finden oder zu beschämen, sondern es geht darum, herauszufinden, was den Klienten unbewusst steuert.
Zum Beispiel: Warum gerate ich immer wieder in ähnliche Beziehungen? Warum reagiere ich in bestimmten Situationen übermäßig stark? Warum halte ich an etwas fest, das mir nicht gut tut?
Solange diese Muster unbewusst sind, also die blinden Flecken nicht erkannt werden, haben wir das Gefühl, das es einfach passiert. Schicksal eben, würden einige sagen.
Aber, wenn sie sichtbar werden, entsteht plötzlich die Möglichkeit, etwas zu verändern.
Aus einem alten Schutzmechanismus, einer unbewussten Überzeugung oder einer früh gelernten Strategie wird ein bewusstes Verstehen. Schritt für Schritt. Und aus automatischem Reagieren wird bewusstes Handeln. Ohne dieses Bewusstsein sind wir nämlich oft in Wiederholungen gefangen. Aus Bewusstheit aber entsteht Wahlfreiheit. Ich erkenne mein Muster, ich verstehe, warum es da ist und ich kann entscheiden, ob ich ihm weiter folge.
Ein essentiell wichtiger Punkt dabei ist das Verstehen. Es geht in meinen Gesprächen nicht nur um das Aufdecken der blinden Flecken, das sichtbar machen. Auch alles zu analysieren, führt nicht zum Erfolg. Aber erkennen, fühlen, verstehen und neue Erfahrungen sind der Schlüssel für Veränderungen.




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