Was verbindet Michael Kors und eine Handtasche mit dem Gewahrsein?
- Andrea Berauer
- 15. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Eine kleine Begebenheit aus dem Alltag kann tiefe Fragen aufwerfen. Gestern schrieb mir meine erwachsene Tochter in einer WhatsApp, dass sie in der Restmülltonne ihrer Hausgemeinschaft eine Michael Kors-Tasche gefunden habe. Wenig genutzt, kaum Gebrauchsspuren – eigentlich erstaunlich, sie so entsorgt zu finden. Sie nahm sie mit. Zunächst erörterten wir, ob die Tasche echt sei? Dazu sollte man wissen, dass wir beide keinen großen Wert auf Marken legen – Marken sind oft Schall und Rauch, werden häufig verkauft, um billige Massenprodukte als wertige auszugeben, damit ein Label wie eine Medaille getragen werden. Aber das nur am Rande.
Was meine Tochter danach sagte, hat mich wirklich getroffen: „Mama, ich möchte nie so viel Geld verdienen, dass ich so etwas tue.“ Es ging ihr nicht um den Besitz der schicken Tasche, auch nicht um das Kauf- oder Wertverhältnis, sondern um das Wegwerfen ohne Nachdenken, und dass vielleicht jemand anderes noch Nutzen hätte. Die moralische Frage lautete: Verdirbt Geld den Charakter?
Nicht unbedingt. Für mich ist Geld ein Werkzeug, ein Mittel, um Tauschprozesse zu erleichtern. Ich verkaufe meine Arbeitskraft, dafür erhalte ich Lohn, den ich für Miete, Lebensunterhalt und anderes verwende. Der Vermieter wiederum finanziert damit das Mittagessen seiner 7jährigen Tochter usw...
Geld an sich ist neutral. Problematisch wird es, wenn wir lediglich Impulsen folgen, statt bewusst zu konsumieren. Der Nachbar hat ein neues Auto? Vielleicht ist es an der Zeit, unser altes Auto auch zu ersetzen. Es hat schließlich schon 8 Jahre auf dem Buckel und die Reparaturen... Die Freundin hat sich eine neue Küche gekauft. Plötzlich empfinden wir unsere als schäbig. Vielleicht sollten wir... Das grüne Kleid ist gerade preisgesenkt. Wer weiß, was es in 3 Wochen oder einem Jahr kostet. Dann kann ich auch jetzt... Die Möhren sind diese Woche im Angebot. Dann kaufen wir gleich 3 kg. Sale bei Breuninger? Da muss ich hin. Angebote über Angebote. Werbung an jeder Ecke. Jede Woche, jeden Tag, immer und überall.
Und was bedeutet jetzt bewusst zu konsumieren? Der erste Schritt wäre, inne zu halten, zwischen dem Impuls etwas zu kaufen und dem Kaufen selbst einen Raum zu schaffen. Diesen Raum kann ich nutzen, um dem Impuls die Macht zu entziehen, mich zu fragen, was in mir möchte gefüllt oder gefühlt werden?
Wenn schon 60 Paar Schuhe im Regal stehen habe, brauche ich keine Schuhe, aber vielleicht etwas anderes. Zuneigung, Aufmerksamkeit, Wertschätzung, gesehen werden. Was auch immer es ist. Schaut in Euch und forscht danach.
Wir haben eine große Sehnsucht nach innerer Fülle und versuchen sie im Außen zu erreichen. Das wird aber nie gelingen. Wenn ich Appetit auf Schokolade habe, wird ein Brokkoli es nicht schaffen, die Schokolade zu ersetzen. Wenn ich innerlich leer bin, dann kann kein Porsche, keine Handtasche von Michael Kors, kein dickes Bankkonto und kein teures Essen diese Leere füllen.
Geld ist also nicht das Problem, sondern mangelndes Bewusstsein. Schafft diesen Raum.
Wenn ihr das nächste Mal vor einem verführerischen Regal steht und der Impuls zum Kaufen stärker wird, haltet inne. Geht nach Hause und fragt euch: Warum möchte ich dieses Ding jetzt kaufen? Brauche ich es wirklich? Woher kommt das Bedürfnis, noch mehr zu besitzen? Was fehlt mir tatsächlich? So entstehen Räume – und damit neue, bewusste Entscheidungen.
Probiert es aus und beobachtet, was passiert.




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