Schau nicht nach innen...
- Andrea Berauer
- 23. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Feb.
... und warum dieser Satz so viele Menschen von sich selbst trennt.Ich war ungefähr 12 Jahre alt, als meine Mutter zu mir sagte: "Schau nicht so in dich rein."
Ich habe vergessen, in welchem Kontext dieser Satz entstand, aber er ist noch lebhaft in meiner Erinnerung gespeichert. Ich weiß auch noch, was ich damals dachte und wie es sich anfühlte.
Dieser Satz hat mich nicht verletzt. Er hat mich eher verwundert. Mein Gefühl sagte mir, dass das falsch ist. Und dass meine Mutter mir etwas verheimlicht, dass sie etwas weiß, das vielleicht gefährlich ist, und dass sie Angst hat.
Viele Menschen, besonders aus früheren Generationen, wurden mit der Überzeugung groß, dass man Gefühle wegschieben muss, um stark zu sein. Dass Selbstreflektion gefährlich ist. Dass man "nicht so tief gehen" sollte, weil man dort vielleicht etwas findet, das man nicht kontrollieren kann.
Doch genau das Gegenteil ist wahr.
"Schau nicht so in dich rein" bedeutet eigentlich:
Ich halte deine Tiefe nicht aus. Ich habe Angst vor deinen Gefühlen, und vor meinen eigenen. Bitte bleib an der Oberfläche, dort kenne ich mich aus.
Meine Mutter meinte das nicht böse. Sie sprach diesen Satz aus Überforderung. Es war eine Bitte aus dem Mund eines Menschen, der nie lernen durfte, sich selbst anzuschauen.
Aber Kinder, die so etwas hören, lernen, dass ihre Innenwelt gefährlich ist, dass zu viel Fühlen falsch ist. Dass Intuition etwas ist, was man verstecken muss. Dass Tiefe zu viel ist für andere und irgendwann auch für sich selbst.
So entsteht eine langsame Entfremdung vom eigenen Wesen.
Die Wahrheit aber ist: Nach innen zu schauen, ist unsere natürlichste Bewegung. Der Blick nach innen ist der Beginn von Klarheit. Es bedeutet, die eigene! Wahrheit zu erkennen, Bedürfnisse wahrzunehmen, Verletzungen zu heilen, Intuition zu stärken, Entscheidungen aus innerer Freiheit zu treffen. Und! die Verbindung zu einer höheren Kraft wiederzufinden.
Der Mensch wird krank, wenn er nicht nach innen schaut. Die Seele wird laut, wenn man sie ignoriert. Und das Leben wird unruhig, wenn man sich selbst nicht zuhört.
Innenschau ist nicht Flucht vor der Welt, sie ist die Grundlage dafür, ihr authentisch zu begegnen.
Meine eigene Innenschau begann für meine Verhältnisse sehr spät. Ich war Anfang 40. Erst ein Ereignis in meiner Geschichte, welches mich aus der Bahn warf, zwang mich dazu, den Blick nach Innen zu wagen. Ich hatte Fragen, die mir niemand im Außen beantworten konnte. Mein Gefühl sagte mir, dass ich die Antworten in mir trage. Ich begann also zu forschen. Diese Innenschau ist kein Ereignis, wie ein Blick in einen tiefen Brunnen und dort liegt dann die Lösung. Es ist eher ein Prozess. Es ist ein Herantasten. Ganz langsam. Stück für Stück. Und jede Antwort, die ich bekam, hatte genug Zeit für Verarbeitung und Integration. Erst, wenn ich verstanden hatte, ging der Prozess weiter.
Die Fragen, die ich hatte, betrafen aber nicht nur mich. Viele Menschen, so stellte ich fest, stellen sich ähnliche Fragen.
Wer bin ich eigentlich? Wozu bin ich auf dieser Welt? Warum wurde ich ausgerechnet in diese Familie geboren? Warum ist die Welt so wie sie heute ist? Warum ist mir das passiert? Sind andere glücklicher als ich? Was erwarte ich vom Leben? Wo geht meine Reise hin?
Ich könnte die Liste solcher Fragen noch weiter fortsetzen. aber ich denke, dieser kleine Exkurs reicht aus, um zu verdeutlichen, das in der Essenz uns alle das Gleiche bewegt.
Ich habe auf die meisten meiner Fragen eine Antwort gefunden. Aber nicht nur das. Ich habe mich auch verändert. Nicht mein Wesen, ich bin ich geblieben, aber meine Sichtweisen und mein Verständnis für die Ereignisse in meiner Vergangenheit und auch für das, was im täglichen Leben stattfindet. Ich fand Frieden mit dem, was passiert ist. Und ich konnte viele meiner Ängste loslassen. Meine eigene Wahrnehmung konnte sich entfalten, ich konnte freier atmen. Ich betrachte heute die Welt anders als früher. Ich habe ein tiefes Verständnis für die Sorgen und Nöte der Menschen. Ich erkenne nun, worin sie begründet liegen und sehe Wege, die in ein freieres Leben führen.
Das ultimative Glück gibt es nicht. Auch in meinem Leben gibt es Aspekte, die mir nicht gefallen. Wenn man jedoch erkennt, dass die Schatten im Leben eine wichtige Aufgabe haben und man sich diesen Aufgaben stellt, dann bekommt das Leben ein ganz andere Färbung. Es wird bunt. Ich kann heute meine Erfolge ganz anders feiern und würdigen als das früher der Fall war, weil ich weiß, welche Anstrengung dem vorausgegangen ist und wie notwendig auch Scheitern war. Denn das Scheitern, meine Kämpfe, innerlich wie auch äußerlich, meine Trauer, mein Hadern mit der Welt, all dies war notwendig für meine Bewegung nach vorn.
Also: Schaut nach innen, erforscht mutig, was Eure Seele oder Euer Körper euch sagen wollen. Macht das alleine, mit Freunden, mit Familie oder natürlich mit mir zusammen, wenn ihr mögt.




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